Verhalten beim Gutachter

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WARUM SACHVERSTÄNDIGENGUTACHTEN NOTWENDIG SIND UND IHRER SACHE DIENEN

Je nach Sachlage spielen bei Arzthaftung und Kunstfehler medizinische Gutachten eine wichtige Rolle. Dabei kann es entweder sein, dass Ihnen Ihre Anwälte im Vorfeld einen Privatgutachter empfehlen oder dass im laufenden Verfahren das Gericht einen Gutachter einschaltet, weil es selbst in der Regel nicht über das nötige medizinische Fachwissen verfügt, um die Fakten zu beurteilen. In beiden Fällen sind Sie gut beraten, sich intensiv auf den Besuch beim Gutachter vorzubereiten. Zu Angst oder Nervosität besteht jedoch kein Grund: Wenn Sie ein paar Hinweise beachten, die wir Ihnen gerne im Folgenden vorstellen, tragen Sie selbst viel dazu bei, dass Ihr Besuch beim Gutachter ein Erfolg wird, und dass das Gutachten Ihre Sache beim Versuch einer außergerichtlichen Regulierung oder vor Gericht voran bringt.

WAS SIE IM VORFELD DES TERMINS WISSEN SOLLTEN

Ein vom Gericht bestellter Gutachter wird nie einer Ihrer behandelnden Ärzte sein, denn laut Gesetz muss der Gutachter unabhängig sein. Sie gehen also zu einem fremden Arzt, der sich auf der Basis des persönlichen Gespräches, einer Untersuchung und der ihm vorliegenden Unterlagen ein Bild Ihres Gesundheitszustandes macht. Den Termin nehmen Sie auf jeden Fall alleine war, weil es nicht zulässig ist, dass Partner, Familienmitglieder oder andere Ihnen vertraute Personen dabei sind. Ein bisschen Planung im Vorfeld hilft Ihnen dabei, sich trotzdem sicher zu fühlen, in der ungewohnten Situation souverän zu agieren und dem Gutachter Ihre Sache bestmöglich nahe bringen zu können.

WAS RUND UM DEN TERMIN IN IHRER MACHT STEHT

Entscheidend ist, dass Sie im Termin mit dem Gutachter glaubwürdig und konsistent auftreten.

Dafür können Sie einiges tun:

1. Vor dem Termin – Verfassen Sie eine „Krankheits-Vita“

So einen „Lebenslauf“ Ihrer Krankheitsgeschichte sollten Sie chronologisch abfassen. Von dem Zeitpunkt Ihrer Erkrankung an stellen Sie bitte in zeitlicher Abfolge alle Ihre Beschwerden dar. Dabei ist es unerheblich, ob diese nur einmalig oder wiederholt oder sogar ständig auftreten – alle Beschwerden gehören in diesen Lebenslauf. Dieser ist wichtig, weil der Gutachter ja nicht Ihr persönliches Empfinden bei Ihrer Erkrankung kennt – bloße ärztliche Diagnosen kann er aus den Unterlagen herauslesen, aber was diese für Sie persönlich bedeuten, kann er nicht wissen. Deswegen sollten Sie neben Ihren Beschwerden auch alle Tätigkeiten auflisten und beschreiben, die Ihnen früher selbstverständlich möglich waren, die Sie aber nun krankheitsbedingt nicht mehr ausführen können oder bei denen Sie Schwierigkeiten haben. Dabei sollten Sie sich nicht nur auf Ihr Arbeitsleben beschränken, sondern alle Lebensbereiche, also auch Freizeit und Privatleben mit Haushalt, Garten etc. durchgehen. Dies alles niederschreiben zu müssen, wird Ihnen auch bei der Gesprächsvorbereitung (siehe unten) weiterhelfen.

Diese „Krankheits-Vita“ sollten Sie uns als Ihren Anwälten übergeben und dem Gutachter zukommen lassen.

2. Verhalten im Termin

2.1 Inhaltliches – Welche Lebensbereiche sind von Ihrer Erkrankung betroffen?

Arbeitsleben

Es ist von Vorteil, wenn in Ihren Unterlagen von allen involvierten und Sie behandelnden Ärzten (Allgemeinmediziner und / oder alle Fachärzte) eine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung vorliegt, so dass der Gutachter dies entsprechend berücksichtigen kann. Das trägt dazu bei, die Schwere des Krankheitsbildes für den Gutachter transparent zu machen und verhindert, dass er ihre Erkrankung auf die leichte Schulter nehmen kann.

Freizeit und Privatleben

Hier sollten Sie sich ebenfalls im Vorfeld zu Ihren Äußerungen im Gespräch schon ausführlich Gedanken machen – wenn Sie Ihre „Krankheits-Vita“ verfasst haben, haben Sie über viele Punkte bereits Klarheit gewonnen. Hier finden Sie einige inhaltliche Beispiele, über die Sie reflektieren und die Sie in das Gespräch einbringen können.

Hobbies und Sport

Haben Sie Hobbies oder gibt es Sportarten, die Sie vor Ihrer Erkrankung noch oder intensiver betreiben konnten? Sind Sie Mitglied in Vereinen und jetzt nach Ihrer Erkrankung in Ihren Aktivitäten behindert oder sogar vom Vereinsleben abgeschnitten?

Bewegung an der frischen Luft

Wenn Sie gerne spazieren gehen: Können Sie das noch so gut wie vorher oder müssen Sie nun Einschränkungen hinnehmen, und wenn ja, welche? Können Sie nicht mehr so lange laufen oder müssen Sie sich öfter hinsetzen?

Fitness

Falls Sie ins Fitnessstudio gehen, an Gymnastik-Kursen teilnehmen oder gerne in die Sauna oder ins Thermalbad gehen: Ist das noch genauso wie vor Ihrer Erkrankung? Oder machen Sie das nicht vielmehr nun zur Schmerzlinderung oder um Ihre Genesung zu fördern? Können Sie das überhaupt noch?

Geistige Aktivitäten

Wie ist es um Ihre Leistungsfähigkeit bei intellektuell leicht fordernden Tätigkeiten wie Bücher- oder Zeitungslesen, Musik hören oder Fernsehen bestellt? Ist Ihre Aufmerksamkeitsspanne noch so lang wie vorher? Oder werden Sie schnell müde oder schlafen gar ein?

Freundeskreis

Hat sich Ihr Freundeskreis durch Ihre Erkrankung verändert, haben Sie vielleicht sogar Freunde verloren?

Haus und Garten

Können Sie alle anfallenden Arbeiten noch selbst erledigen oder benötigen Sie bei einigen oder allen Dingen nun fremde Hilfe? Oder brauchen Sie länger für bestimmte Tätigkeiten, etwa zum Einkaufen oder Rasen mähen, als früher? Sind Sie auf mehr oder andere Hilfsmittel angewiesen als vor Ihrer Erkrankung? Mussten Sie Ihr Verhalten in irgendeiner Weise ändern oder Ihren Aktionsradius verkleinern, etwa beim Kochen oder Essen, weil Sie z.B. in Ihrer Feinmotorik eingeschränkt sind?

2.2 Gesprächsführung – Sachlich, deutlich, tatsachengetreu und detailliert

Grundsätzlich gilt:

Wenn Sie über Ihre Situation berichten, bleiben Sie bei der Wahrheit. Es hilft Ihnen nicht weiter und kann sehr kontraproduktiv sein, wenn Sie übertreiben oder gar simulieren. Genauso wichtig ist aber auch, dass Sie nichts beschönigen. Viele Betroffene fühlen sich durch Ihre Krankheit auf eine bestimmte Weise minderwertig und neigen dazu, über Beschwerden oder Behinderungen hinweg zu gehen. Das aber ist letztlich nicht in Ihrem Sinne, und es macht immer einen schlechten Eindruck, wenn Sie oder Ihre Anwälte im weiteren Verlauf des Verfahrens Dinge korrigieren oder Informationen nachreichen müssen. Erwähnen Sie also alles Relevante aus den oben beschriebenen Bereichen und stellen Sie es verständlich, entsprechend den Tatsachen und ohne zu beschönigen, dar.

  • Ist der Gutachter ein Facharzt aus einem bestimmten Bereich, der nur in seinem Gebiet untersucht und befragt, dann beschreiben Sie ihm auch die Beschwerden, die nicht sein Fachgebiet betreffen.
  • Stellen Sie sich darauf ein, dass der Gutachter möglicherweise Fragen stellen wird, die Ihnen unangenehm sind, etwa, weil sie Ihre Intimsphäre betreffen. Versuchen Sie unbefangen zu bleiben, indem Sie sich vergegenwärtigen, dass solche Fragen für jeden Menschen eine Herausforderung darstellen. Auch dem Gutachter geht es so – aber er hat damit viel Erfahrung und ist „einiges gewohnt“.
  • Im unwahrscheinlichen Fall, dass Sie das Gefühl haben, dass der Gutachter Sie nicht ernst nimmt oder Sie nicht korrekt behandelt, sollten Sie Ihre Bedenken klar und sachlich äußern. Ändert sich daraufhin nichts, können Sie den Termin abbrechen. Im Nachgang sollten Sie dann allerdings einen kleinen Bericht für Gericht oder Behörde verfassen, um Ihr Verhalten zu begründen, weil der Gutachter Gericht bzw. Behörde über den Abbruch des Termins informiert.

2.3 Verhalten im Gespräch und äußerer Eindruck

Wenn Ihre Erkrankung mit Schmerzen einhergeht, halten Sie damit nicht hinter dem Berg. Der Gutachter oder später der Richter dürfen das ruhig merken. Sprechen Sie darüber, auch wenn Sie Schmerzmittel eingenommen haben und gerade im Moment beschwerdefrei sind. Auch wenn Sie nicht längere Zeit sitzen, stehen oder in einer Position verbleiben können, machen Sie dies deutlich. Falls Sie für den Besuch oder im Alltag generell Hilfsmittel benötigen, z. B. einen Rollator oder ein bestimmtes Sitzkissen, bringen Sie diese zum Termin mit.

  • Auch wenn Sie öfter zur Toilette müssen als früher – sprechen Sie offen darüber und handeln Sie entsprechend.
  • Reißen Sie sich nicht unnötig und übermäßig zusammen. Rechnen Sie auch damit, dass der Gutachter Ihr Verhalten zusätzlich außerhalb der Gesprächssituation beobachten wird, etwa beim Weg in ein anderes Behandlungszimmer oder beim Verlassen des Gebäudes.
  • Geben Sie sich also ganz natürlich und Ihrer aktuellen Situation entsprechend. Wenn Sie beim Termin übermäßig viel bzw. viel mehr Wert als sonst auf Ihre äußere Erscheinung legen, kann das unnatürlich wirken. Der Gutachter gewinnt dann vielleicht einen falsch-positiven Eindruck, weil er von Ihrem Äußeren auf Ihre Gesundheit schließt – Sie wirken also evtl. gesünder als Sie eigentlich sind.
SONDERFALL PFLEGEBEGUTACHTUNG

Im Falle einer Pflegebegutachtung kommt der Gutachter zu Ihnen. Bei dem Termin ist es unabdingbar, dass die pflegende Person und / oder Vertrauenspersonen bei der Begutachtung anwesend sind. In diesem Fall sind Sie also nicht allein. Sie sind keinesfalls verpflichtet, den ersten vorgeschlagenen Termin zu akzeptieren – falls also eine oder mehrere der für Sie wichtigen Personen nicht können, bitten Sie darum, den Termin zu verschieben.

  • Der Arzt, der die Begutachtung vornimmt, muss zwingend aus dem Fachgebiet stammen, dem Ihre Erkrankung zuzuordnen ist – Sie haben ein Recht auf fachgerechte Begutachtung. Widersprechen Sie im Ernstfall der Begutachtung, wenn Ihnen die Auswahl des Gutachters unpassend scheint.
  • Für die Begutachtung ist die Alltagssituation ausschlaggebend. Falls sich Wohn- und Aufenthaltsort unterscheiden, muss die Gutachtenstelle das wissen – teilen Sie es ihr also mit. Weiterhin sollten Sie davon Abstand nehmen, die zu pflegende Person besonders herzurichten oder extra gut anzuziehen – wie gesagt, der Alltag soll begutachtet werden.
  • Ein „Pflegetagebuch“, in dem Sie über mehrere Tage hinweg die einzelnen Tätigkeiten mit Einzelschritten und dem Zeitbedarf festhalten, hilft dabei, dem Gutachter in der Situation selbst alle Fragen zügig, aber wohl überlegt zu beantworten. Lassen Sie nichts aus, aber dramatisieren Sie auch nichts. Das Pflegetagebuch und weitere Unterlagen, die sich auf die Pflegebedürftigkeit beziehen, also Arzt- oder Krankenhausberichte, übergeben Sie bitte dem Gutachter und uns als Ihren Rechtsanwälten.
  • Achten Sie darauf, dass Ihre Informationen korrekt beim Gutachter ankommen und dass dieser sie korrekt dokumentiert. Wenn Ihnen Abweichungen auffallen, weisen Sie darauf hin und dokumentieren Sie die Situation.
  • Als pflegende oder Vertrauensperson haben Sie ein Recht auf ein Gespräch unter vier Augen mit dem Gutachter. Dies kann etwa notwendig sein, wenn im Gespräch z. B. durch die zu pflegende Person falsche Angaben gemacht werden – es kommt häufiger vor, dass ältere Menschen etwa ihre Situation beschönigen. Lehnt der Gutachter ein solches Gespräch ab, können Sie Widerspruch gegen die Begutachtung einlegen.
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